Ein Fußkranker ohne seine Gehhilfen ist genauso überflüssig, wie ein Superheld ohne seinen Gehilfen. Diese Erkenntnis hatte ich schon so brutal früh, dass klar war, ein Superheldenkollege muss her. Ich war erst 5 Jahre alt, aber man hatte mir die Macht gegeben, Dinge zu zerstören, die normal nicht im Interesse eines 5 jährigen Superhelden lagen.
Woher ich zum Beispiel wusste, dass Haarspray in Verbindung mit einem Feuerzeug, nicht nur sämtliches Unheil anrichtet, sondern auch extrem viel Spaß machen kann, kann ich heute nicht mehr sagen, dass der Kellerbrand aber Jahre später noch zu sehen war, weiß ich noch genau. Man roch es auch lange danach noch. Superhelden wären aber keine, wenn sie Anstrengung empfinden würden mit dem was sie tun. Rein aus Automatismus handeln Superhelden. Ein Superheld verlässt sich auch nicht auf seine Sinne. Da ich dem vollkommen bin, bleibt mir leider nichts übrig, als ein Superheld zu sein. Ich handle vollautomatisch, extrem sinnentleert und dies ohne jegliche Anstrengung.
Wie eben auch beim Kellerbrand. Eine Kettenreaktion völlig automatisch, sinnentleerter und anstrengungsloser Handlungen nahmen ihren Lauf. Zunächst saß ich eigentlich nur auf dem Klo, "die Superheldenzentrale". Als ich auf der Klopapierrolle einen Eindringling, in Form einer Spinne (Spiderman) ausmachen konnte, war Handlungsbedarf nötig. Phase 1: Jegliche Gedächtnisleistung auf null herunterfahren. Phase 2: Jetzt erst entscheiden, welche Möglichkeiten sich mir bieten. Phase 3: …, ach geht schon los! Stimmt, eine Überlegung einer Verhältnismäßigkeit, ob die Situation im Verhältnis zur Handlung steht, darf auch gar nicht sein, außerdem wollte ich dies auch nicht.
Da ich nicht aufstehen konnte von meinem Thron, nahm ich was greifbar war. Haarspray und Feuerzeug. Ach was …, Klopapier brennt? Es sollte doch nur die Spinne, die gerade unter der Tür raus gelaufen ist brennen! Egal, weiter in der Kettenreaktion der Sinnlosigkeit. Aftershave bringt die ganze Sache dann so weit, dass man plötzlich doch aufstehen kann, um dem Feuerball nicht zum Opfer zu fallen. Da ich diesen Glasflakon ohne Anstrengung, in den bereits bestehenden Flammen, mit voller Wucht zersplittern ließ, kamen mir kurz die Worte meiner Mutter zwecks Hausschuh und so...in den Sinn. Wichtiger aber war, sinnlos weiter zu kämpfen. Fackelartig entflammte auch Löschaktion zwei, das Erste von drei Handtüchern. Als ich nun genug Nährstoff dem Feuer hinzugefügt hatte, wurde es mir dann doch zu heiß, im wahrsten Sinne des Wortes und dies sei schon genug vom Sinn gewesen. Ein Superheld wäre ich nicht gewesen, wenn ich nicht noch jemanden gerettet hätte. So schnell wie ich nur konnte und das war extrem langsam, denn mit der gefütterten Gummizugjeans in den Kniekehlen geht es eben nicht besonders schnell. Ausziehen? Ja …! Versuchen Sie es doch einmal, so eine Hose über Ihre Moonboots (gebunden von Mami) drüber zu bekommen …! Unterwegs mit einer leichten Unwucht, in Richtung “Hasi“ mein Schmusehase, fragte ich mich, wo wir wohl jetzt dann hinziehen werden. Hoffentlich zur Tante Gerti. Die hat nämlich einen -wie ich es zu sagen pflegte-“Schwimmenpuhl“ und der hat noch nie gebrannt! Wasser brennt nämlich nicht. Da wir gleich in der Nähe vom Haidweiher wohnen, war dies auch mein nächstes Ziel. Ich konnte ja noch nicht abschätzen, wer im Dorf vielleicht noch umziehen müsse, weil auch dort plötzlich der Keller brannte. Nachdem ich am Weiher angekommen und außer Sichtweite war, zog ich erstmal diese absolut Superheldenuntaugliche, Gummibundjeans mit Unterhose hoch, denn es war Winter und furchtbar kalt. Allmählich wurde es dunkel und ich stand immer noch am Haidweiher mit meinem Hasi unterm Arm.
Plötzlich sah ich eine Menge Lichter rum wackeln. Da kam ein ganzer Haufen Menschen mit Taschenlampen in meine Richtung. Na toll …! Hoffentlich wollen die nicht alle zur Tante Gerti ziehen, weil schließlich gibt’s da nur eine Hängematte.
Es stellte sich zum Glück heraus, dass ich eben wie ein Superheld, mit heruntergelassenen Hosen, mit wehendem Zipferl im Winde und dem Hasi unterm Arm, durchs Dorf laufend, von mehreren Nachbarn gesehen worden bin. Die erkannten auf Anhieb, dass ich Held wieder eine super Aktion geliefert haben muss.
Als meine Eltern froh waren mich zusehen, war ich kurz der Meinung, ich habe gar nichts falsch gemacht, denn normal sind die bei Superheldenaktionen immer nicht sonderlich gut drauf.
Dies lag daran, dass es so schlimm war, dass es zum “nicht gut drauf sein“ auch schon nicht mehr reichte. Der Schaden war wirklich extrem hoch, keine Schokolade mehr, bis der Nikolaus kommt! Oh man …! Ich brauchte einen Gehilfen, der für solche Zahlungen aufkommt. Wer baut also noch mehr Heldenaktionen als ich und welcher Gehilfe ist noch übrig? Richtig! Der Pumuckl. Da ich jede Hörspielkassette vom Pumuckl hatte, hörte ich mir einen Abend darauf, die erste Folge noch mal genau an. Also wenn der Pumuckl irgendwo pappen bleibt, dann wird er sichtbar! Ok, ab in die Werkstatt und das so leise wie möglich und alles an Isolierband holen, was da war. Nach der dritten Tour hatte ich endlich alle Rollen in mein Zimmer gebracht. Pumuckel fangen kann doch nicht so schwer sein. Ich habe alle Rollen ausgerollt und mit der Klebeseite nach oben so in meinem Zimmer verteilt, dass ich am Schluss im Bett saß und nicht mal mehr zur Tür kam, weil alles mit Isolierband ausgelegt war. So, jetzt fang ich ihn mit Sicherheit! Ich machte das licht aus und begann zu schlafen und in der Früh hab ich ihn dann. So war der Plan.
Mir hätte auch einer gereicht, aber plötzlich hörte ich zwei die sich verfangen haben. Mami und Papi, die schauen wollten, ob ich schlafe. Toll! Jetzt waren die auch noch schneller als der Pumuckl.
Jetzt klappte es auch wieder mit dem nicht froh sein nach Superheldenaktionen.
Eines ist zumindest klar, als Superheld muss man geboren werden und genau das bin ich. Ganze 23 Jahre später ist zum Leidwesen meiner Eltern, noch in keinster Weise erkennbar, dass dieses Talent und diese Fähigkeiten irgendwann ein Ende haben werden. Superheld für immer! Ohne Gehilfen, aber dafür selbst noch mit Gehhilfen!
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